Deutsche Atomkraft? In Brasilien kein Problem.

Es ist wie bei vielen Katastrophen in der Geschichte zuvor: je länger diese entfernt sind, umso eher ist der Mensch gewillt die Risiken und Gefahren erneut einzugehen oder (wieder) zu ignorieren.

So auch bei der Atomenergie und der Katastrophe in Fukushima.

Zwar hat dieses beispielloses Unglück dafür gesorgt, dass die Atompolitik in Deutschland fast schneller weggespült wurde als durch den bekannten Tsunami, doch lässt sich die Wirtschaftspolitik nicht lange davon beirren.

Es wäre naiv zu glauben, dass, nur weil wir Deutschen uns von der Atomenergie abwenden und schrittweise alle unsere Atomkraftwerke abschalten, uns sofort alle Welt beglückwünschen und unserem Beispiel folgen würde. Allein bei unseren europäischen Nachbarn, allen voran Polen, oder Russland stehen viele neue Atomkraftwerke auf der Wunschliste. Frankreich hat derzeit immer noch 58 Reaktoren.

Doch lohnt sich auch ein Blick über den Atlantik z.B. nach Süd-Amerika, um festzustellen, dass das deutsche Engagement für die Atomenergie nicht wirklich erloschen ist.

20 Jahre stand an Brasiliens Küste die Bauruine rund um das Atomkraftwerk Angra 3 aus finanziellen Gründen still und auch die dortige Politik machte lange einen weiten Bogen um dieses Thema.

Doch was hat unser Atomausstieg mit Brasilien gemeinsam?

Hier ein paar Fakten zum Kernkraftwerk Angra:

Die Anlage besteht aus 3 Reaktoranlagen, Angra 1, 2 und 3.
Angra 1 wurde von den USA in den 70ern gekauft, lief aber nie länger als 14 Tage
Angra 2 wurde mit deutscher Technik erbaut (Siemens) und ging nach 25 Jahren Bauzeit 2000 ans Netz. 2001 wurde bekannt, dass 150 Liter radioaktives Wasser in den Ozean gelangten.
Angra 3 wurde ebenfalls mit deutscher Unterstützung gebaut, dies geht zurück auf ein Abkommen von 1975, wurde aber Anfang der 80er Jahre u.a. wegen finanzieller Probleme abgebrochen. Die Technik wurde eingelagert.

Am 1. Juni 2010 wurden die Bauarbeiten an Angra 3 nun aber offiziell wieder aufgenommen, sowie Pläne für weitere 4 Reaktorblöcke gemacht. Hierzu stellte unsere Bundesregierung für den Reaktor Angra 3 eine Bürgschaft von 1,3 Milliarden Euro in Aussicht, damals vor Ort unterstützt durch Außenminister Guido Westerwelle.

Zwar hat sich Siemens mittlerweile komplett aus dem Atomgeschäft verabschiedet und wurde deswegen vom französischen Partner Areva mit einer Vertragsstrafe konfrontiert, doch bleiben noch zahlreiche weitere attraktive Beteiligungen weltweit für die deutsche Industrie.

Zurück zu Angra 3:
Der Reaktor soll spätestens bis 2015 ans Netz gehen, mit deutscher Unterstützung durch die sogenannten Hermes-Bürgschaft. Diese dient dazu deutsche Unternehmen bei riskanten Investitionen in Entwicklungs- und Schwellenländern zu helfen. Bei Zahlungsunfähigkeit des Auftraggebers steht der Bund dafür grade (die Bundesregierung hat überdies zwölf weitere Exportgarantien, z.B. in Russland und China übernommen. Dazu an anderer Stelle aber mehr.).

Natürlich ist nun unklar wie es mit diesem Kurs nach dem Moratorium, ausgelöst durch Fukushima, weiter geht. Zwar dürfte klar sein, dass der Bau neuer Atomanlagen in Deutschland, wegen dem Umschwung in der Politik und der Meinung der Bürger, nun keine reale Option mehr für die Industrie darstellt, im Ausland dafür aber umso mehr lukrative Projekte winken an denen man sich beteiligen möchte. Dank finanzieller Unterstützung durch diverse deutsche Banken, sowie dem Transfer von deutschem Know-how durch eine Vielzahl an Beteiligungen (und damit ohne großes weiteres Aufsehen in der Öffentlichkeit), winken der deutschen Atomindustrie weiter hohe Profite.

Die Taktik innerhalb des Landes das grüne Image zu pflegen und massiv auszubauen geht sicher noch eine lange Zeit auf. Beispielsweise zeigen sich RWE und E.on durch den Ausbau der Windenergie von ihrer besten Seite, trotzdem sieht der deutsche RWE-Boss Jürgen Großmann laut Spiegel-Online die Kernenergie auf globalerer Ebene weiter als Schlüsselelement für das eigene Unternehmen.

Laut Unternehmensberatung Arthur D. Little sind derzeit weltweit rund 170 Atomanlagen mit 560 Atomreaktoren geplant, darunter eine der größten Anlagen weltweit auf der finnischen Halbinsel Olkiluoto. Die Hälfte der dort etwa 1.600 beteiligten Firmen stammt aus Deutschland.

Natürlich bezieht Deutschland seine Wirtschaftskraft seit eh und je aus dem Export von Technologien, Waren und vor allem Wissen, trotzdem scheint es so, als sei es Absicht, dass die Politik in Sachen Atomenergie den Bürgern einen großen Teil vorenthält.

Das Thema mit der Bürgschaft für den brasilianischen Reaktor ist jedenfalls  noch nicht vom Tisch. Die Grünen werfen der Regierung „Wortbruch“ vor und man ist sich noch nicht im Klaren, was die Überprüfung unserer eigenen Reaktoren nun rechtlich gesehen für baugleiche Systeme andernorts bedeutet. Eine klare Aussage im Dilemma „Atomausstieg“ und der Sicherheit deutscher Atomkraftwerke gab es zumindest aber vom CDU-Abgeordneten Klaus-Peter Wilsch: „Wir haben das nur gemacht wegen der Befindlichkeit der Menschen.“

Randnotiz:
Die Anlage steht mitten in einem Erdbeebengebiet, es besteht Erdrutschgefahr, die Abklingbecken liegen nur 50 Meter vom Meer entfernt und dies alles in der Nähe von Rio de Janeiro.

Quellen:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,788136,00.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Angra

7 thoughts on “Deutsche Atomkraft? In Brasilien kein Problem.

  • 20/10/2011 at 10:55
    Permalink

    In der Tat eine überaus fragwürdige Haltung der Bundesregierung. Vielen Dank für diesen ausführlichen Artikel dazu. Auch wir haben uns vor kurzem mit diesem Thema in unserem Blog beschäftigt und würden und sehr über eine Verlinkung freuen.

    Beste Grüße aus Bremen sendet die Bremer Energieberatung enerpremium

  • 08/11/2011 at 13:24
    Permalink

    Traurig wenn die Verantwortliche das Risiko so schnell wieder Vergessen wird. Ein GAU kann jeder zeit überall passieren! Hier muß ich der CSU und CDU Respekt zollen für die Abschaltung der Atom Kraftwerke in Deutschland. Aber dies war ja schon vorher geregelt…..!

  • 22/12/2011 at 17:34
    Permalink

    Wahrscheinlich gibt es sowieso keine rechtliche Grundlagen um deutschen Unternehmen vorzuschreiben was Sie im ausland machen dürfen. Diese Unternehmen müssen sich nur an die Gesetze der betreffenden Länder halten. Wäre bestimmt gegen internationale Handelsabkommen.

  • 09/01/2012 at 13:06
    Permalink

    Hallo,

    ihr Artikel ist ein sehr gutes Beispiel, dass wirtschaftliche Interessen oftmals leider über den dauerhaften Schutz der Umwelt und der Natur obsiegen! Und dass in Deutschland leider auch wie in anderen Ländern eine Doppelmoral herrscht! Es ist einfach so schade, dass obwohl das Know-how etwa für hochmoderne und vor allem gänzlich ungefährliche Solaranlagen weltweit zum Einsatz kommen kann – man dennoch auf eine veraltete und vor allem hochgefährliche Energiegewinnung mittels Atomkraft setzt!

    Grüße

  • 28/02/2012 at 09:44
    Permalink

    ich bin auch der meinung, dass ein gau überall und jederzeit möglich ist. völlig unabhängig, in welchem land das akw steht. die rechtliche grundlage, sollte allerdings etwas schärfer verfolgt werden, damit man nachvollziehen kann, was denn die deutschen unternehmen im ausland machen.

  • 14/03/2012 at 16:16
    Permalink

    naja viola dafür gibt es doch gute quellen, wo man das erfahren kann.

  • 23/04/2012 at 13:43
    Permalink

    @chris: na dann nenne uns doch mal deine quellen 😉 würde mich freuen auch etwas mehr über das thema erfahren zu können.

    vielen dank!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.